Dienstag, 6. Juni 2017

Interview mit Übersetzer und Lektor Marco Mewes


Wir von der Romance Alliance wollen euch immer wieder spannende Buchmenschen in Interviews vorstellen. Heute hat sich Marco Mewes vor unser imaginäres Mikrofon getraut. Kennengelernt hat ihn unsere Autorin Bettina Kiraly vor einigen Jahren über eine Meinungsverschiedenheit zum Thema Schreiben. Wer hätte damals gedacht, dass sich daraus einmal eine Zusammenarbeit entwickeln würde. Aber nun viel Spaß mit dieser Fragestunde.

Foto: Bianca Mewes
Romance Alliance: Erzähl doch bitte mal ein wenig über dich und deinen Beruf.
Marco Mewes: Ich lebe und arbeite in Hamburg als Übersetzer und Lektor, bzw. Bearbeiter. (Anmerkung: Zu Marcos Homepage geht es hier)
Ich habe gar nicht das Gefühl, dass es da so viel zu sagen gibt. Als Übersetzer übertrage ich englische Texte so ansprechend wie es mir möglich ist ins Deutsche. Ich bin aber erstaunt, wie viele Fallstricke es dabei gibt, manchmal stolpert man über die unwahrscheinlichsten Sachen.
Als Bearbeiter und Lektor betrachte mich als eine Art "Putzmann". Ich gehe mit allen möglichen Besen und Pinseln durch das Manuskript des Autors und versuche, möglichst alle Fehler, Hubbel, Stolpersteine und andere Hindernisse abzutragen und wegzufegen. Manchmal muss man dazu auch mit der Zahnbürste auf die Knie. Mein Ziel jedenfalls ist es, immer das sauberste und beste Endprodukt zu finden, das ich in der Arbeit des Autors entdecken kann.

Romance Alliance: Welchen Weg bist du gegangen, um Lektor zu werden? Welche „Ausbildung“ gibt es dafür?
Marco Mewes: Mir wäre da keine gesonderte Ausbildung bekannt. Man muss gut und gerne lesen, und wirklich gut schreiben können. Eine überdurchschnittliche Kompetenz in Rechtschreibung, Grammatik und Interpunktion ist ebenfalls unerlässlich. Es hilft ungemein, wenn man ein Mensch ist, dem es ein gutes Gefühl gibt, darauf zu achten, dass die Regeln eingehalten werden.
Bei mir war es, wie vermutlich bei vielen Kollegen, am Ende reiner Zufall, dass ich in dem Beruf gelandet bin. Ich beschäftige mich quasi schon mein ganzes Leben lang mit dem Schreiben, in der Regel als Hobby. Dazu kam ein entsprechend passendes Literaturstudium, und einige praktische Erfahrungen als Journalist und später als Texter für Webseiten.
An einem Punkt in meinem Leben, an dem es irgendwie nicht richtig weiterging, kam rein zufällig das Angebot rein, ob ich Lust hätte, übersetzte Manuskripte zu bearbeiten. Das habe ich dann im Laufe der Jahre ausgebaut.

Romance Alliance: Wie ist die Zusammenarbeit mit den ersten Autoren und Verlagen zustande gekommen?
Marco Mewes: Wie erwähnt, durch reinen Zufall. Jemand aus einem Verlag, der mich kannte, ist auf mich zugekommen und hat mir erste Texte zur Bearbeiten gegeben. Offensichtlich gefiel ihm das Ergebnis.

www.marco-mewes.de
Romance Alliance: Hast du schon einmal einen Auftrag abgelehnt?
Marco Mewes: Ja, das habe ich tatsächlich. Öfter sogar. In den meisten Fällen, weil ich keine Zeit hatte, die Aufträge rechtzeitig und in für mich akzeptabler Qualität abzuliefern. Zum Beispiel weil ich im Urlaub war. In seltenen Fällen kommen auch extrem dringende Anfragen rein, da kann es schonmal sein, dass ich die Segel streichen muss, weil ich grad im Harz herumwandere und keine Zeit habe, in zehn Stunden 200 Seiten zu redigieren.
In einem Fall habe ich abgesagt, weil ich mir selbst nicht zugetraut habe, saubere Arbeit zu leisten. Für gewöhnlich mag ich Herausforderungen und neue Aufgabengebiete, weil das auch Erfahrungen mit sich bringt, in dem Fall jedoch hätte ich mich übernommen und nichts abliefern können, das meinen eigenen Ansprüchen genügt hätte.

Romance Alliance: Hast du dich auf ein spezielles Genre spezialisiert oder bist du offen für alles?
Marco Mewes: Ich bin offen für alles. Es liegt in der Natur des Jobs, dass man sich spezialisiert, einfach weil die Auftraggeber einen in eine Kategorie stecken und häufig selbst nur ein Genre bearbeiten. Das heißt, wenn mich ein Redakteur auf der Liste hat, der nur Thriller betreut, bekomme ich von dem auch nur Thriller. Dann fällt es auch schwer, sich an anderer Stelle mit einem Interesse für Horrorsplatter zu melden. Aber das würde ich auch machen.

Romance Alliance: In welchem Genre würdest du niemals arbeiten?
Marco Mewes: Ich ziehe da für mich keine Grenzen. Wobei ich glaube, dass ich nicht sehr talentiert in Lyrik wäre, oder in allzu kunstvoller Literatur, bei der es auf Sprachklang oder Jamben ankäme. Allerdings habe ich es noch nicht versucht.

Romance Alliance: Worauf legst du bei der Überarbeitung eines Manuskripts Wert?
Marco Mewes: Darauf, dass der Autor sichtbar bleibt, und auf eine gewisse Grundqualität. Ich meine das jetzt nicht abschätzig, aber heutzutage besitzt jeder Mensch mit einem Computer und Internetanschluss alle notwendigen Voraussetzungen, um einen Text zusammenklöppeln und auf Amazon verkaufen. Es ist völlig natürlich, dass da auch Texte bei herauskommen, die nicht besonders lesenswert sind.
Ich habe kein Problem damit, mit "kleinen" Autoren zu arbeiten - ich halte das im Gegenteil sogar für förderungswürdig -, habe aber den Anspruch, dass ein Manuskript am Ende des Prozesses eine gewisse Grundqualität besitzt, die zumindest erkennen lässt, dass da Leute dran saßen, die wissen, was sie tun.

Romance Alliance: Was ist dir bei der Zusammenarbeit mit einem Autor wichtig?
Marco Mewes: Dass der Autor erkennt, dass man an einem Strang zieht. Es gibt alle möglichen Autorentypen. Es gibt die "weichen", die jede Änderung beinahe demütig übernehmen, und es gibt die "harten", die jeden Änderungsvorschlag in Frage stellen, und jede Menge Stufen zwischen diesen Polen. Mir persönlich ist das im Endeffekt gleich, weil ich mich eher als Berater betrachte (außer, es geht um Schreib- und Grammatikfehler), die künstlerische Leitung überlasse ich dem Autor oder notfalls dem Verlag.
Womit ich Schwierigkeiten habe, sind Autoren, die komplett beratungsresistent sind, und meinen, ihr Manuskript bedürfe keiner Arbeit mehr. Oder solche, die in mir den Feind oder einen vorgelagerten Literaturkritiker sehen, der versucht, sie fertigzumachen. Wenn ich merke, dass der Autor beginnt, gegen mich zu arbeiten, verliere ich die Lust, weil ich dann den Sinn meiner Arbeit nicht mehr erkenne.

Romance Alliance: Und wie sieht es beim Kontakt mit Verlagen aus. Läuft deine Aufgabe dann anders ab?
Marco Mewes: Meist schon. Dort habe ich ja in der Regel nicht mit dem Autor, sondern dem Redakteur zu tun. Der hat, soweit ich das überblicke, selbst nur begrenzten künstlerischen Einfluss auf den Text, oder nur mittelbar. Das entspannt das Arbeitsverhältnis deutlich. Es gibt mir auch mehr Freiheiten, was wiederum die Verantwortung erhöht, denn ich muss mir jede Änderung doppelt gut überlegen, wenn der Autor oder Übersetzer sie nicht absegnet.

Romance Alliance: Siehst du dich als Mann in deinem Beruf Vorurteilen gegenüber?
Marco Mewes: Bisher nicht. Für mich wäre das auch nichts Bemerkenswertes, auch wenn ich die Statistiken kenne - ich arbeite wohl in einem "Frauenberuf". Aber ich persönlich messe dem keine Bedeutung bei. Zum einen trenne ich die Leute, mit denen ich arbeite, nicht nach Mann oder Frau, zum anderen war ich schon im Studium eine Minderheit. Unser Studiengang hatte einen Frauenanteil von gut neunzig Prozent. In einem Kurs saß ich ganz allein mit sechzig Frauen.

Romance Alliance: Hast du deiner Meinung nach als Mann Vorteile als Lektor?
Marco Mewes: Das kann ich nicht einschätzen, weil ich noch nie die Erfahrung gemacht habe, ein weiblicher Lektor zu sein.

Romance Alliance: Welches Erlebnis ist dir in deiner Karriere besonders deutlich in Erinnerung geblieben?
Marco Mewes: Das klingt vielleicht simpel, aber ich erfreue mich jedes Mal an den Premieren. Jede Aufgabe, die ich zum ersten Mal mache, genieße ich besonders, weil mir bewusst ist, dass es nur ein Erstes Mal gibt. Die erste Bearbeitung, das erste Belegexemplar, die ersten Male, die man seinen Namen liest. Leider wird vieles davon schnell Routine, weshalb ich versuche, die ersten Male besonders auszukosten.
Außerdem sind mir im Laufe der Jahre eine Handvoll besonders exotischer Stilblüten über den Weg gelaufen. Ich wollte sie immer einmal sammeln, vergesse das jedoch regelmäßig, aber ein paar davon waren so einprägsam, dass ich sie mir schlicht gemerkt habe.

Romance Alliance: Mit welchem/r Autor/in würdest du gerne einmal zusammenarbeiten?
Marco Mewes: Mit dem nächsten. So billig das auch klingt, ich genieße jeden Autor, und mir fiele niemand besonderes ein, den ich irgendjemandem vorziehen würde. Außer Shakespeare. Ich gestehe, mit dem würde ich gern einmal arbeiten, aber sollte er sich je melden, würde mich das vermutlich ziemlich verstören.

Foto: Bianca Mewes
Romance Alliance: Welche Schattenseiten hat dein Beruf?
Marco Mewes: Das ist vermutlich eine Typfrage. Nicht jeder ist dafür geschaffen, selbstorganisiert zu arbeiten und seine Deadlines einzuhalten. Außerdem gerät man zwangsläufig mal an Texte, die einem selbst einfach keinen Spaß machen. Da muss man dann 50, 100, 300 Seiten lesen und analysieren, mit einer Geschichte, die einem persönlich nichts gibt. Das kommt nicht oft vor, aber wenn, ist es stets ein bisschen mühsam, denn man kann das Buch ja nicht einfach in die Ecke legen. Aber Literaturstudenten sind das gewohnt.
Außerdem ist die Sache mit den Finanzen nicht immer einfach. Das Problem teilen sich wohl alle Freiberufler. Wobei ich mit den Verlagen da bisher keinen Grund zum Klagen hatte. Gerade bei "Privatkunden" jedoch ist es immer wieder schwierig. Zum einen, die Preise zu rechtfertigen, die wir nehmen müss(t)en, aber auch zu wissen, dass das für Privatleute eine Menge Geld sein kann.

Romance Alliance: Welchen Tipp hast du für Autoren?
Marco Mewes: Um es frei nach Dory aus "Findet Nemo" zu sagen: Keep Writing. Niemals aufgeben, niemals aufhören. Schreiben ist hart und kraftraubend, kostet Zeit und Mühe, und es dauert sehr lange, bis man die Früchte seiner Arbeit ernten kann - wenn überhaupt.
Darüber hinaus sollten Autoren versuchen, ihren Text, auch wenn sie ihn gerne als ihr "Baby" betrachten, nicht allzu sehr zu personalisieren. Kritik an ihrem Text sollte nicht mit Kritik an ihnen selbst verwechselt werden. Ich persönlich lebe nach der Erkenntnis, dass nahezu jeder Mensch einen besseren Blick auf den Text hat, als der Autor - zumindest direkt nach dem Schreiben. Das liegt einfach daran, dass jemand anderes dem Text keine emotionale Bindung entgegenbringt. Das macht die Schwächen sichtbarer.
Deshalb sollten Autoren auch versuchen, (konstruktive) Kritik nicht als Beleidigung, sondern als Stärkung ihres Texts zu betrachten. Jeder Schwachpunkt, der einem Außenstehenden auffällt und einem selbst nicht, ist ein Makel, den der Autor alleine nie hätte ausmerzen können. Ob er ihn am Ende ausmerzen will oder nicht, entscheidet er ja oft selbst.
Und entsprechend sollten Autoren ihre Lektoren und Bearbeiter auch nicht als Kritiker und Gegner betrachten, sondern als helfende Hände. Denn für gewöhnlich wollen sie den Text ja besser machen.

Romance Alliance: Was liest du selbst in deiner Freizeit gerne? Wenn ja, welche Genres oder welche Autoren?
Marco Mewes: Ich habe ein recht breites Feld. Ich lese so gut wie sämtliche Genres, dazu Historisches, Biographien und Sachbücher, Klassiker und Modernes. Was ich in der Regel nicht tue ist, ein Genre "abzugrasen". Ich gehöre nicht zu den Lesern, die so viel Freude an einem Schwedenkrimi haben, dass sie jeden einzelnen davon lesen. Wenn ein Genre zu formelhaft wird, steige ich privat meist aus. Für viele Leser hat diese Erwartbarkeit ja etwas sehr Vertrautes, eine Geborgenheit. Ich selbst lese für gewöhnlich am liebsten solche Bücher, die etwas neu oder anders machen. Ich mag überrascht werden.
John Irving und George R.R. Martin gehören aktuell zu meinen liebsten Autoren.

Romance Alliance: Hast du einen anderen Blick auf Bücher, die du privat liest, seit du Lektor bist?
Marco Mewes: Einen anderen Blick nicht, aber weniger Energie. Wer jeden Tag etliche Stunden beruflich liest, legt sich nur noch schwer zum "Abschalten" mit einem Buch in die Hängematte. Lesen fühlt sich inzwischen recht schnell nach Arbeit an.
Wobei, wenn ich jetzt so drüber nachdenke: Doch, ich sehe auch beim privaten Lesen manchmal Fehler oder Schwächen oder Formulierungen, bei denen ich mir automatisch überlege, wie ich sie umformulieren würde. Aber das kommt gar nicht so oft vor, wie man denken könnte, was ich als Beweis dafür nehme, dass meine Kollegen gute Arbeit leisten.

Romance Alliance: Planst du selbst auch einmal ein Buch zu schreiben?
Marco Mewes: Geschrieben habe ich schon einige, das war aber vor meiner Arbeit. Mit Glück lässt sie mir einmal genügend Raum, um einen weiteren zu beenden, und mit noch mehr Glück klappt es einmal mit der Veröffentlichung.

Lieber Marco, vielen Dank für deine spannenden und interessanten Antworten. Wir wünschen dir viel Glück für die Zukunft: Mit dem Übersetzen, dem Lektorieren und natürlich auch mit dem Schreiben!

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